Resümee Wenn Kinder-wann Kinder?

komplette Dokumentation hier

Dass Frauen ihre Kinder immer später bekommen, ist ein allgemeiner und

zwischenzeitlich bei fast allen Bevölkerungsschichten beobachtbarer, fortschreitender

Trend seit Jahrzehnten. Besonders auffällig ist, dass die Vorreiter

dieser Entwicklung die Frauen mit höheren Bildung waren und sind:

je höher der Bildungstand der Frauen /und je höher ihre berufl iche Position

desto später bekommen sie ihr erstes Kind oder bleiben kinderlos. Trotz

des Wunsches zu früherer Familiengründung wird diese nicht oder nicht

„rechtzeitig“ realisiert (Huinink)*.

Die Ursachen sind vielfältig und komplex: Emanzipation der Frauen, höhere

Bildungsbeteiligung, längere Bildungswege, späterer Berufseintritt, erschwerte

Vereinbarkeit von Beruf und Familie, erfolgreiche Berufskarriere

nicht zuletzt ermöglicht durch eine wirksame Empfängnisverhütung und

damit Planbarkeit von Schwangerschaften und Geburten. Einstellungen

und Leitbilder mit gewollt späterer Mutterschaft haben sich geändert. Und

die Gleichzeitigkeit von Beruf und Familie haben hohe Wichtigkeit erhalten.

Dazu kommt die ungewollte Kinderlosigkeit, eine negative Beurteilung der

Schwangerschaft durch Arbeitgeber, aber auch durch Arbeitskollegen, ein

nicht familienfreundliches gesellschaftliches Umfeld, eine Benachteiligung

von Eltern gegenüber kinderlosen Singles, usw.

*Anm: Die Autorenhinweise beziehen sich auf die hier veröffentlichten Beiträge

Die deutsche Gesellschaft und Politik nimmt die kontinuierliche Verschiebung

der Erst- und Folgemutterschaft in immer höherem Lebensalter sprachlos zur

Kenntnis und stellt sich auf diese Entwicklung ein (Vaskovics). Es werden dabei

u. E. gravierende Folgeprobleme dieser Entwicklung verschwiegen und tabuisiert.

Die Konsequenzen dieser Entwicklung für Betroffene, für die Gesellschaft,

für das Beschäftigungs- und Versicherungssystem werden auch in der wissenschaftlichen

und gesellschafts- und familienpolitischen Diskussion unterschiedlich

bewertet. Unter Berücksichtigung dieser Entwicklung wurde die Frage

kritisch diskutiert und aus verschiedener Sicht von Wissenschaft und Praxis

beantwortet: wenn Kinder – wann Kinder?

Der empirische Befund ist eindeutig und unumstritten: Frauen in Deutschland

bekommen ihr erstes Kind (und weitere Kinder) seit Mitte des letzten Jahrhunderts

immer später. Im Jahr 2012 lag es laut Statistischem Bundesamt bei 29,4

Jahren. Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass deutsche Frauen ihr erstes

Kind am spätesten bekommen. Je höher das Bildungsniveau ist, desto höher ist

auch das mittlere Erstgebäralter der Mütter – und desto höher ist insbesondere

in Westdeutschland auch der Anteil der Frauen, die kinderlos bleiben. Während

in älteren Kohorten der Aufschub, der durch die längere Ausbildungs- und

Studienzeit bedingt war, durch eine beschleunigte Familiengründung nach dem

Abschluss des Studiums etwas ausgeglichen wurde, ist das heute nicht mehr

der Fall (Huinink). Als nachgewiesen gilt auch, je höher ihre berufl iche Position

ist, desto später bekommen deutsche Mütter ihr erstes Kind. In urbanen Regionen

ist dieser Prozess weiter fortgeschritten als in ländlichen Gebieten, doch im

Laufe der letzten Dekade ist eine konvergente Entwicklung zu beobachten, d.h.

späte Mutterschaft wird immer mehr zu einem allgemeinen Muster.

Eltern haben durchaus den Wunsch zu einer früheren Familiengründung. Schätzungen

geben ein gewünschtes Erstgebäralter von 27 bei Frauen und 29 bei

Männern an.

Das durch die Betroffenen als „ideal“ angesehene Alter bei der Familiengründung

ist in Deutschland deutlich niedriger als das realisierte Alter (Henry-Huthmacher).

Der Begriff „Späte Mutterschaft“ versus „Spätgebärende“ kann nur nach medizinischen

Gesichtspunkten defi niert werden: Für die (Erst-)Geburten gibt es

einen biologisch optimalen Zeitraum, bei dessen Überschreitung Folgeprobleme

verschiedenster Art bei den Betroffenen auftreten können. Frauen, die ihr erstes

Kind nach dem biologisch optimalen Zeitraum bekommen, werden im Folgenden

als „Spätgebärende“ und die Mutterschaft als „Spätmutterschaft“, bzw.

„späte Mutterschaft“ bezeichnet.

Kriterien des „richtigen“ Zeitpunkts sind außer der (a) biologisch bedingten

Altersgrenzen (b) die Lebensentwürfe („Lebensskripte“; Vorstellungen zum

„Zu-Früh“ und zum „Zu-Spät“), (c) soziale und wirtschaftliche Voraussetzungen

(Partnerschaft, ökonomische Ressourcen u. Absicherung, soziale Ressourcen)

und (d) strukturelle Rahmenbedingungen (Ausbildung, Arbeitsmarkt,

Wohnungsmarkt, Zeitsouveränität) (Huinink).

Die Ursachen der „Spätmutterschaft“ sind vielfältig:

● Finanzielle Belastungen für den Nachwuchs, Einschränkung eigener Freiheit,

Karriereknick (vgl. BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, 2013).

● Karriere und Geldverdienen stehen bei den 25- bis 35-jährigen Frauen fast

höher im Kurs als Kinder und Familie.

● Ausbildungsabschluss als Voraussetzung für Familiengründung

● Die Entscheidung für die Elternschaft wird als verantwortungsvoll angesehen

und als konsequenzenreich antizipiert. Das führt auch zu einer

späten Familiengründung Früher musste der Mann „eine Familie ernähren

können“, heute müssen zur finanziellen Absicherung die Aussicht auf eine

stabile und egalitär organisierte Beziehung und die Vereinbarkeit von Familie

und nichtfamilialem Engagement beider Eltern gegeben sein. Problem:

Extrem hoher Erwartungsdruck auf Eltern in Deutschland. Dies bedeutet oft

eine Überforderung der (potenziellen) Eltern. (Henry-Huthmacher)

● Kinder als Hemmschuh für berufliche Entwicklung. Fehlende finanzielle Mittel

für Organisation Kinderbetreuung. Teilzeitfalle. Kinder/Schwangerschaft

als berufliche Schwäche im täglichen Konkurrenzkampf. Kinder als persönlicher

Hemmschuh für Übernahme leitender Positionen. (Nentwich)

● Umschichtungen der Lebensspannen (Henry-Hutmacher):

– Jugend beginnt heute so früh wie noch nie und erstreckt sich über

15 Jahre – eigener Wert, eigener Rhythmus.

– Verlängerung des Erwachsenwerdens: Beruf – Heirat – Kinder werden

in das vierte Lebensjahrzehnt geschoben.

– Lange finanzielle Abhängigkeit

– „Suchschleifen“ werden länger und häufiger;

– Später Auszug aus dem Elternhaus, lange Berufseintrittsphase,

lange ökonomische Abhängigkeit können frühe Familiengründung

beeinträchtigen.

– Erschwerte Vereinbarung der verlängerten Jugendphase mit eigenen

Lebenszielen und Wertvorstellungen, mit früher Familiengründung.

– „Kultur des Zögerns“: Bis zum Alter von 30 Jahren wollen sich viele

junge Erwachsene nicht mehr festlegen (Nachwuchs verpflichtet ein

Leben lang).

– Orientierungsprobleme zwischen vielen unterschiedlichen gleichberechtigten

Lebensmodellen und Optionen der Lebensgestaltung.

● Veränderte Kontrazeption

In Anbetracht dieser Zusammenhänge ist nicht zu erwarten, dass sich der Trend

im Alter bei der Familiengründung entscheidend umkehrt (Huinink). Ein Abbremsen

oder eine geringfügige Umkehr ist aber nicht in jedem Fall ausgeschlossen,

wenn man die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die auch bezogen auf

das Alter bei der Familiengründung besteht, politisch ernst nimmt.

Folgeprobleme für die Betroffenen:

Optimaler biologischer Zeitraum für problemlose Schwangerschaften ist nach

Einschätzung der Ärzte die dritte Lebensdekade.

● Danach steigen die Abort- und Komplikationsraten an und die

mütterliche Leistungsfähigkeit nimmt ab (Dietrich),

● hoher zeitlicher und finanzieller Aufwand für die

reproduktionsmedizinischen Maßnahmen

● abnehmende Eizellreserve in Abhängigkeit vom Alter der Frau,

● Abnahme erfolgreicher medizinischer Behandlung mit

zunehmendem Alter.

● Die Wahrscheinlichkeit der Konzeption im „spontanen Zyklus“

nimmt ab in Abhängigkeit vom Alter der Frau und des Partners

(Dietrich).

● Die Schwangerschaftschance im IVF-Zyklus nimmt ab 30. Lebesjahr

der Frau kontinuierlich ab.

● Risiken in der Schwangerschaft und die Geburt herum nehmen

mit zunehmendem Alter zu

● Die erwartete altersspezifische Rate an Chromosomenstörungen

und anamnestische Schwangerschaftsrisiken nehmen mit

zunehmendem Alter zu (Diedrich).

● Der Aufschub der Kinderrealisation ist bei vielen Paaren für eine

dauerhafte Kinderlosigkeit verantwortlich (teVelde).

● Psychologen weisen darauf hin, dass Spätmutterschaft oft mit

großen psychischem Leiden, Enttäuschungen/neuen Hoffnungen,

neuerlichen Enttäuschungen, aber auch oft mit Belastung der

Partnerschaft verbunden sein können.

● Psychosozialen Aspekte von Fertilitätsstörungen bei spätem

Kinderwunsch (Wischmann): Die 38jährige Frau hat nur eine halb

so hohe Schwangerschaftschance wie die 28jährige Frau.

● Infertilität wird von vielen Frauen als schlimmste emotionale

Krise im Leben empfunden.

● Die reproduktionsmedizinische Behandlung stellt für viele Frauen

zusätzlich eine starke psychische Belastung dar, was nicht selten

zu einem Abbruch der Behandlung führt. Die emotionale Belastung

steigt mit der Zahl erfolgloser Behandlungszyklen in den ersten

Jahren an.

● Wenn für die Sterilität keine körperliche Ursache gefunden wird,

nehmen viele psychische Grunde als Ursache an

(„psychogenic infertility model“).

Sozialwissenschaftler sehen die Folgeprobleme der Spätmutterschaft in den hohen

finanziellen Aufwendungen für medizinisch assistierte Schwangerschaften,

soweit die Kassen die entstandenen Kosten nicht übernehmen. Soziologen verweisen

auf die Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung und damit

zusammenhängend auf die Möglichkeit der Realisierung der gewünschten Erstelternschaft

auch nach dem dritten Lebensjahrzehnt – allerdings oft nicht mehr

für die Realisierung eines gewünschten zweiten oder dritten Kindes. Die Ärzte

verweisen einschränkend darauf, dass die Erhöhung der durchschnittlichen

Lebenserwartung nicht zur Verlängerung der fertilen Zeit führt.

Die Folgeprobleme für Gesellschaft und Wirtschaft werden im zunehmenden

Bevölkerungsrückgang, zunehmender Änderung der Bevölkerung, Rückgang

der erwerbsfähigen und erwerbstätigen Bevölkerung und im Arbeitskräftemangel

gesehen. Manche empirische Befunde sprechen allerdings dafür, dass

auch die Spätgebärenden ihre gewünschte Kinderzahl mehrheitlich realisieren

können, auch dann wenn die oben genannten Folgeprobleme für die betroffenen

Frauen auftreten können. Allerdings zeigen andere Befunde, dass Spätgebärende

häufi ger auf ein zweites oder drittes Kind verzichten. Reproduktionsmedizinische

Maßnahmen sind offensichtlich nicht geeignet die Geburtenrate

signifi kant zu steigern (teVelde). Maßnahmen der Reproduktionsmedizin können

nicht die Zahl der Kinder kompensieren, die wegen des Aufschubes nicht

geboren werden (teVelde).

Der Geburtenrückgang liegt nicht am Älterwerden der Eltern sondern an der

sozioökonomischen Umgebung (Henry-Huthmacher):

● Jedes Kind und noch mehr jedes weitere Kind führt zu finanziellen Einschränkungen

für die Eltern – insbesondere bei niedrigen und mittleren

Einkommensklassen. Die daraus resultierenden Benachteiligungen konnten

die im Laufe der vergangenen 30 Jahre getroffenen familienpolitischen Maßnahmen

zwar dezimieren aber nicht beseitigen.

● Für Mütter (aber auch für Väter) ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

eine den Lebenslauf entscheidende Frage.

Die Politik bzw. Familienpolitik ist bei der Benennung von Leitbildern bezüglich

des Zeitpunkts der Familiengründung sehr zurückhaltend bzw. abstinent. Verwiesen

wird dabei darauf, dass die Familienpolitik nur Rahmenbedingungen für

individuelle Entscheidungen bereitstellen kann bzw. soll.

Auf bevölkerungspolitische Ziele und auf bevölkerungspolitische Maßnahmen

zur Steigerung der Geburtenzahlen wird in Deutschland grundsätzlich verzichtet.

(Vaskovics)

Umstrittene und nicht beantwortete Fragen des Symposiums:

● Als umstritten gelten die für eine frühere Elternschaft geeigneten gesellschaftlichen,

wirtschaftlichen, finanziellen Maßnahmen.

● Es konnten nur Vermutungen angestellt werden im Hinblick auf die Kosten

für die Betroffenen bei medizinisch assistierten, Geburten, insbesondere bei

Spätgeburten.

● Auch die Frage ist offen geblieben, welche gesellschaftliche Kontextbedingungen

(Rahmenbedingungen) Frauen (und Männern) die frühere Realisierung

von gewünschten Kindern ermöglichen könnten

● Begriff „Familie“

Empfehlungen:

● Die heranwachsende junge Generation soll über die mit hoher Wahrscheinlichkeit

zu erwartenden Folgeprobleme bei Spätgeburten gesundheitlicher,

psychischer und wirtschaftlicher Art aufgeklärt werden (Diedrich): Beratung

über den optimalen Zeitpunkt schwanger zu werden :

– Zeit bis zur Schwangerschaft

– Abortrisiko + Fehlbildung

– Erkrankung in der Schwangerschaft, z.B. Diabetes

– Entwicklung des Feten

● Das „Nest“ muss nicht bereits vor der Familiengründung perfekt fertig und

voll ausgestattet sein – Mut zur Lücke! Es gilt vermutlich: Je jünger man ist,

desto mehr Mut hat man zur Lücke. Übertriebene Ansprüche der Eltern an

ihre „verantwortete Elternschaft“ erweisen sich als Hürden bei der Realisierung

der Familienplanung. „Man muss nicht die besten Eltern sein. Es genügt

ausreichend gute Eltern zu sein“(Henry-Hutmacher).

Eine Frau, die ein Kind zur Welt bringt und erzieht, darf im Vergleich zu der,

die das nicht tut, nicht schlechter gestellt sein. Gefahren des sozialen Abstieges

müssen vermieden werden. Eine flächendeckende Obhut für die Kinder als

fester Bestandteil der Lebensplanung der Eltern ist die Voraussetzung für eine

Entscheidung zu einem Kind. Dies trifft nicht nur auf die Frauen zu, sondern auch

auf die Männer, die eine nicht kalkulierbare Phase der Lebensplanung als Paar

und Familie häufi ger als Frauen scheuen und so bewusst oder unbewusst einen

latenten Kinderwunsch ihrer Partnerin unterdrücken.

● Als wichtiger Leitsatz für Unternehmen wird empfohlen: „Elternschaft als

Karrierechance“ (Reinhardt)

● Die Arbeitgeber, die konkrete innerbetriebliche Maßnahmen für die

Elternschaft vor der Überschreitung des biologisch optimalen Zeitpunktes

ergreifen, sollen eine Förderung z.B. steuerliche Förderung erfahren. Unter

der Annahme, dass ein steuerlicher Anreiz Lösungen der betriebsindividuellen

komplexen Wege zur Vereinbarkeit von Mutterschaft, Familie und Beruf

stimuliert und diese von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung sind, ist die

Entwicklung eines entsprechenden Steuermodells notwendig (Spätling).

● Die späten Geburten, deren gesellschaftliche und individuelle Rahmenbedingungen

für die Betroffenen aber auch für die Gesellschaft, für das

Beschäftigungssystem und für das Versicherungssystem und vor allem die

sich ergebenden Folgen sollen öffentlich (z.B. in einem Familienbericht der

Bundesregierung) thematisiert werden.

● Die Erforschung der Rahmenbedingungen sowie die Folgen der späten

Geburten (aber auch der frühen Geburten) soll gefördert werden.

● Politische Maßnahmen müssen sich an der Lebensqualität von Eltern und

Kindern orientieren. Sie sollten langfristig und nachhaltig angelegt sein und

die verschiedenen Familienformen berücksichtigen, so dass eine Familiengründung

leicht in die Biografi e eines Individuums integrierbar ist

(Mayer-Lewis). Doch die Politik kann keine Leitbilder bzgl. Familien und

Elternschaft formulieren, sie könnte aber Voraussetzungen schaffen, dass

Paare freier den individuellen Zeitpunkt ihrer Elternschaft bestimmen

können (Henry-Huthmacher)

Spenden Sie

Ihre Spende unterstützt unsere Projekte wie Geburts- und Familienvorbereitung, Elternfee-Entlastung für Eltern, Wochenbett-Krisenhilfe, Familienschule Fulda, die kostenlose Beratung und vieles mehr. Danke!

Deutsche Familienstiftung

Gallasiniring 8, 36043 Fulda, 0661-9338870

Sparkasse Fulda, IBAN DE65530501800040041414, BIC HELADEF1FDS